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  KAMP-LINTFORT - HOERSTGEN

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Das Dorf Hoerstgen

Wir befinden uns im Späten Mittelalter. Ganz Kamp-Lintfort gehört zum Erzstift und Kurfürstentum Köln. Ganz Kamp-Lintfort? Nein! Ein einziges Dorf nicht:

Hoerstgen war nämlich damals eine eigene bzw. reichsfreie Herrlichkeit, während seine ganze unmittelbare Umgebung unter dem Regiment des Erzstiftes und Kurfürstentums Köln stand. Im Historischen Lexikon der deutschen Länder von Gerhard Köbler kann man zu den damaligen Herrschaftsverhältnissen genaueres erfahren: "Die kleine Herrschaft Hoerstgen ... war Lehen der Grafschaft Moers. Mit ihr war als Lehen Gelderns der Rittersitz Frohnenbruch ... verbunden." Mit Zustimmung des Freiherren vom Rittersitz Frohnenbruch wurde 1556/57 auf Betreiben von Johannes Ewich die Reformation in Hoerstgen eingeführt. Denjenigen Katholiken, die nicht die Konfession wechseln wollten, wurde nahe gelegt, das Gebiet zu verlassen (→ Augsburger Religionsfrieden: ius reformandi und ius emigrandi). Weit mussten sie allerdings nicht gehen, denn das ganze Umland war katholisch. Oder anders gesagt: Nicht nur politisch, sondern auch religiös nahm Hoerstgen lange Zeit eine ziemlich einsame Insellage ein.

Ihre heutige Gestalt verdankt die kleine, aber durchaus gefällige evangelische Kirche in Hoerstgen größerenteils einem Wiederaufbau in den frühen 1630iger Jahren. Die beiden Seitenschiffe wurden allerdings erst später angefügt. Die backsteinsichtige Fassade ist recht schmucklos gehalten. Ins Auge stechen eigentlich nur die weiß verputzten Bogenblenden des mit einem hohen Spitzhelm gekrönten Turmes. Das wertvollste Ausstattungsstück im Inneren ist eine im Original erhaltene barocke Weidtman-Orgel aus der Zeit um 1730. Als ortsgeschichtlich bedeutend darf man eine Gedenktafel im südlichen Seitenschiff mit lateinischer Inschrift bezeichnen. Sie wurde 1741 vom letzten Freiherrn auf dem Schloss Frohnenbruch gestiftet ("MONUMENTUM ... ANNO MDCCXLI ...  PONI CURAVIT ... DOMINUS IN ... FRONENBRUCH").

Das Wohnhaus des Schlosses, auf dem der eben erwähnte letzte Freiherr zu verweilen geruhte, ist heute noch vorhanden. An der östlichen Außenwand dieses Herrenhauses kann man ebenfalls eine Tafel mit lateinischer Inschrift entdecken: "HOC OPUS FIERI FECIT ILLUSTRIS ET GENEROSUS D. CRAFTO LIBER BARO DE MILEDONCK FRONENBROCK ET HORSTGEN ANNO 1622". Der vornehme und edelmütige Freiherr Kraft (illustris et generosus Crafto liber baro) ließ also Haus Frohnenbruch in seiner heutigen Architektur bis zum Jahre 1622 errichten. Gleichwohl ist aber auch auffällig, dass die Fassade in den Jahren um 1900 eine unübersehbare Renovierung im Stile des damals populären Historismus erfahren hat. Wie die Gebäude des mittelalterlichen Ritterguts Frohnenbruch, das 1304 erstmalig urkundlich erwähnt wurde, ursprünglich aussahen, kann man nicht mehr feststellen. Das heutige Herrenhaus ist ein zweigeschossiger Bau mit Standerker, Walmdach, Eckwarten, Rundbogenfriesen, konsolengestützten Kranzgesimsen und übergiebelter mittlerer Fensterachse.


Haus Frohnenbruch: Herrenhaus und Inschriftstafel


Haus Frohnenbruch: Teich und Wirtschaftsgebäude

Das ehemalige Herrenhaus und die dazugehörigen jüngeren Wirtschaftsgebäude werden immer noch landwirtschaftlich genutzt. Das Informationsblatt Biolandhof Frohnenbruch bietet dazu u. a. folgende Informationen: "2002 wurde der Betrieb auf ökologischen Landbau ... umgestellt. Betriebsschwerpunkt ist die Rindfleischerzeugung. So sieht man im Sommer rund um den Hof die Limousin Rinder auf den tief liegenden Weideflächen grasen."





Limousin Rinder des Biolandhofs

Die früheren Besitzer von Haus Frohnenbruch, die Freiherrn von Millendonk, setzten neben der Landwirtschaft auf noch ganz andere Einnahmequellen. Gegen Zahlung einer großen Geldsumme konnten in ihrer reichsfreien Herrlichkeit Eheschließungen stattfinden, die anderenorts verboten waren. Außerdem durften sich ab dem 18. Jahrhundert Juden in Hoerstgen niederlassen, wenn sie bereit waren, eine Schutzsteuer zu zahlen. Eine verbliebene Spur dieser Vergangenheit ist der kleine jüdische Friedhof am Ortsrand, auf dem die letzten Bestattungen in den 1930iger Jahren stattgefunden haben. In dieser Zeit verlor Hoerstgen übrigens auch seine Selbständigkeit: 1934 wurde das Dorf ein Ortsteil der neu entstandenen Gemeinde Kamp-Lintfort.


jüdischer Friedhof und Gebäude entlang der Dorfstraße

Schätzungsweise rund 1500 Menschen wohnen heute in Hoerstgen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zählte das Dorf, das man damals wohl eher als eine Streusiedlung mit Kirche bezeichnen musste, etwas mehr als 500 Einwohner, darunter ungefähr 100 Mitbürger jüdischen Glaubens. Zu ihnen gehörte auch der Handelsmann Marcus Wiener, dessen 1815 in Hoerstgen geborener Sohn Jacob später ein berühmter Kunstgraveur in Brüssel werden sollte.


Gebäude entlang der Dorfstraße in Hoerstgen

Leider ist die Synagoge nicht mehr erhalten. Sie wurde Anfang der 1930iger Jahre abgerissen. Trotz dieses Verlustes und manch anderer architektonischer Veränderungen kann man aber immer noch behaupten, dass sich Hoerstgen seine historischen Dorfstrukturen größerenteils bewahrt hat. Sie werden nicht nur entlang der Dorfstraße, sondern auch in den vielen alten Bauernhöfen bzw. Gehöften sichtbar, die das Dorf in der unmittelbaren Umgebung umzingeln. Andererseits muss man aber ebenfalls feststellen, dass östlich der Kirche auch ein relativ großes Neubaugebiet mit vielen Einfamilienhäusern entstanden ist. Dennoch dominieren immer noch Bauernhöfe, Felder und Weiden das Orts- und Landschaftsbild: Hoerstgen ist eine landwirtschaftlich geprägte Region geblieben. An dieser Tatsache kann auch nicht mehr das höchste Bauwerk am Ortstrand etwas ändern: der mittlerweile still gelegte Förderturm von Friedrich Heinrich Schacht 4. Sein spröder Charme wird hoffentlich bald ganz aus dem Landschaftsbild verschwinden.

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