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  WESEL - BÜDERICH

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Büderich am Rhein


Ein Myriameterstein
aus dem 19. Jahrhundert
am Rheindeich in Büderich
bietet interessante geografische
Informationen.

Im Vergleich mit vielen anderen Dörfern am nördlichen Niederrhein darf man die geschichtliche Entwicklung des Siedlungsplatzes Büderich sicherlich als durchaus spannend und ereignisreich bezeichnen. Sie lässt sich sogar weit über das Jahr der ersten urkundlichen Ortserwähnung im Jahre 1136 hinaus zurückverfolgen. Archäologische Funde deuten nämlich darauf hin, dass sich unmittelbar nördlich des heutigen Büderich im 1. und 2. nachchristlichen Jahrhundert ein römisches Hilfstruppenlager befunden hat. Wie das rund acht Kilometer westlich liegende Legionslager Vetera in Xanten-Birten diente es der Sicherung der Rheingrenze vor Übergriffe germanischer Barbaren und insbesondere der Kontrolle des Lippemündungsgebietes. Trotz mancher Flussbettverlagerungen im Laufe der Jahrhunderte hat sich an der grundlegenden geographischen Lage des Siedlungsplatzes nichts geändert. Das Dorf Büderich und seine überirdisch nicht mehr sichtbare antike Vorgängersiedlung befinden sich immer noch direkt am Rheinufer unweit der Lippemündung.


Rheindeichpromenade


Auf dem Wappen von Büderich
ist der Stadtgründer
Graf Dietrich V./VII. von Kleve
bei der Falkenjagd abgebildet.

Für die folgenden tausend Jahre nach der Aufgabe des Militärlagers lässt sich die Ortsgeschichte leider nicht mehr rekonstruieren. Verwertbares historisches Material für Büderich ist erst wieder ab dem Anfang des 12. Jahrhunderts verfügbar, als die schriftliche Überlieferung aus dem Mittelalter den kleinen Ort am Niederrhein erstmalig nennt. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erfährt Büderich eine erhebliche politische Aufwertung durch die Grafen von Kleve: Die Landesherren verleihen dem Ort Stadtrechte, bauen sich an Ort und Stelle eine Burg und betreiben außerdem eine Rheinzollstation. Eine ähnliche Förderung durch die Grafen hat übrigens auch das rund 15 Kilometer südlich befindliche Orsoy zur gleichen Zeit erhalten. Wirtschaftlich wird Büderich im Spätmittelalter außerdem noch einerseits von seiner unmittelbaren Nähe zur Hansestadt Wesel und andererseits von seiner Lage an bedeutenden Handelswegen bzw. am Rhein profitiert haben. Die florierende Kleinstadt erreichte damals aber nie eine Einwohnerzahl von 1000, während im heutigen Weseler Stadtteil Büderich, zu dem auch das Nachbardorf Ginderich und einige weitere kleinere Siedlungen gehören, fast 6000 Menschen leben. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen ist in Büderich sesshaft.

In der frühen Neuzeit wurde die aufstrebende Entwicklung der Kleinstadt jäh beendet. Spätestens während des 80-jährige Krieges (1568-1648) bzw. Spanisch-Niederländischen Krieges, der auch für Büderich Zerstörungen, Plünderungen, Brandschatzung und Besatzungstruppen mit sich brachte, setzte ein kontinuierlicher wirtschaftlicher Niedergang ein. Mit der Verlegung des Rheinzolls nach Rees im Jahre 1603 fand er einen sehr sichtbaren Ausdruck. Weitere Kriege und Schlachten sorgten dafür, dass sich Büderich bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts nicht mehr von diesem Niedergang erholte und nur noch Landwirtschaft und Fischfang betrieben wurden. Ja, es kam sogar noch schlimmer: Während der französischen Besatzungszeit ließ Napoleon unmittelbar vor den Ortseingängen zwischen 1807 und 1813 eine große Befestigungsanlage errichten. Mit der Vollendung des Forts beschloss man schließlich auch den vollständigen Abriss von Büderich, da das Dorf zu nah an der Befestigungsanlage und somit im Schussfeld lag. Ende 1813 wurde der Ort dann tatsächlich eingeebnet. Die Geschichte von Alt-Büderich endet hier.

Das Foto rechts zeigt die Reste der napoleonischen Befestigungsanlage, die nach dem Abzug der Franzosen in Fort Blücher umbenannt wurde und in den 1950iger Jahren größtenteils einer Straße und der Schaffung von Vorflutgelände weichen musste.


Die Lage von Alt-Büderich wird heute
durch eine kleine eingezäunte Gedenkstätte gekennzeichnet.

Planung und Wiederaufbau des Ortes wurden ab 1815 unter der Leitung des preußischen Landesbauinspektor Otto von Gloeden begonnen. Auch der spätere Chef der Oberbaudeputation Karl Friedrich Schinkel hat bei den Planungen nicht unerheblich mitgewirkt. Da das Fort weiterhin bestehen blieb und nun von den Preußen betrieben wurde, wählte man aus schon oben genannten strategischen Gründen einen anderen Standort für die Neuanlage von Büderich. Man fand ihn schließlich rund 2 Kilometer südwestlich der Befestigungsanlage. Die konsequent einheitliche Planung und Ausführung des Wiederaufbaus ist heute noch auf dem ersten Blick am orthogonalen Straßennetz des historischen Dorfkerns sichtbar. Dabei bilden die Straßen ein symmetrisches Rechteckraster, in dessen Zentrum der Marktplatz angelegt wurde. Oder noch komplizierter gesagt: Der Landesbauinspektor muss sicherlich mit dem hippodamischen System sehr vertraut und befreundet gewesen sein.


Straßennetz des historischen Dorfkerns von Büderich

Wie man auf der Karte sieht, wird der Marktplatz von zwei Kirchen gesäumt. Die kleinere evangelische Kirche wurde in den Jahren 1820 bis 1822 nach Plänen und Entwürfen Karl Friedrich Schinkels und Otto von Gloedens als einschiffiger Saalbau mit vorgesetztem Turm in einem schlichten klassizistischen Stil errichtet. Die weiß und hellgelb verputzte Fassade des quaderförmigen Baus wird durch rechteckige Fenster und Türen, Gesimse und säulenähnliche Halbpfeiler gegliedert.


evangelische Kirche

Die nicht nur wegen ihres höheren Turmes bedeutend größere katholische Kirche St. Peter wurde ungefähr zeitgleich mit ihrem evangelischen Schwesterbau ebenfalls nach Entwürfen Schinkels und von Gloedens im Stile des Klassizismus errichtet. Das Langhaus wurde jedoch als dreischiffige Halle mit raumgliedernden Säulenarkaden ausgeführt. Außerdem sind in der Fassade nicht rechteckige, sondern rundbogige Öffnungen eingeschnitten. Die das Mittelschiff ursprünglich abschließende kleine Apsis wurde im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts durch einen größeren neoromanischen Chor ersetzt. Bei diesen Umbaumaßnahmen erhielten auch die Seitenschiffe einen Chorabschluss. Und schließlich wurde der Turm noch um ein weiteres Obergeschoss und einen hohen Spitzhelm ergänzt. Die weitaus erhabenere Wirkung der katholischen Kirche in Büderich gegenüber ihrem evangelischen Pendant lässt sich also nicht unbedingt nur auf die schinkelschen Pläne zurückführen.


Katholische Kirche St. Peter





ehemaliges Rathaus (links) und historische Wohnbebauung in Wesel-Büderich

Am Marktplatz liegt auch das ehemalige Rathaus. Das Stadtwappen, das am Schlussstein des rundbogigen Portals angebracht ist, erinnert auch heute noch daran, dass Büderich bis zur Eingemeindung nach Wesel im Jahre 1975 eine selbständige Gemeinde war. Neben dem Rathaus und den beiden schon erwähnten beiden Kirchen sind noch eine Vielzahl weiterer Gebäude aus der Wiederaufbauzeit im historischen Ortskern vorhanden. Zu ihnen gesellen sich auch einige beachtenswerte Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert wie z. B. das 1866 errichtete Haus Marien und der Brauereiturm. Größere Schäden bzw. Störungen im historischen Ortsbild wurden weniger durch die Auswirkungen des 2. Weltkriegs, sondern besonders durch architektonische Todsünden in den 1960iger und 1970iger Jahren verursacht. Um diesen Trend zu stoppen und das Bild einer klassizistischen Planstadt auch für zukünftige Generationen zu bewahren, wurde schließlich beschlossen, dass "die als Beispiel für eine im frühen 19. Jahrhundert ... geplante und in einem Zuge errichtete Stadt Neu-Büderich ... als Denkmalbereich festgelegt und unter Schutz gestellt" wird. Der Ausdruck Neu-Büderich, der im vorhergehenden Satzungszitat verwendet wird, ist bewusst verwendet worden, denn er bezieht sich ausschließlich auf die denkmalwürdige klassizistische Planstadt, die bis 1850 Neu-Büderich hieß. Somit kann man mit einem einzigen Wort die heutigen Randsiedlungen aus dem Denkmalbereich ausschließen, die ungefähr ab 1900 um das Rechteckraster des Ortskerns herum entstanden sind. Dort stehen vornehmlich freistehende moderne Einfamilienhäuser, aber auch ein paar prächtige alte Gebäude. Dazu zählt u. a. ein im Stile des Historismus errichtetes Hotel an der Rheinpromenade. Vom Balkon dieses Hotels haben übrigens Churchill, Montgomery und Eisenhower 1945 kurz vor Beendigung des 2. Weltkriegs den Rheinübergang der alliierten Truppen beobachtet.


Haus Marien, Brauereiturm und Hotel an der Rheinpromenade (oben),
Gefallendenkmal und Mahnmal für das Kriegsgefangenlager (unten)

Den Kriegstoten der beiden Weltkriege und des Frankreichfeldzuges 1870/71 ist eine recht großzügig angelegte Gedenkstätte in der Ortsmitte von Büderich gewidmet. Im Zentrum des Anfang der 1930iger Jahre errichteten Gefallenendenkmals lässt die Steinskulptur eines knienden und trauernden Soldaten die Tragik der Kriege besonders deutlich spürbar werden. Die Gedenkstätte befindet sich übrigens genau an der Einmündung der Markt- in die Sebastianusstraße. In unmittelbarer Nachbarschaft von Büderich bestand vom 20. April bis zum 15. Juni 1945 ein großes Kriegsgefangenlager mit bis zu 80000 deutschen Soldaten, die dort auf freiem Feld ohne Behausungen bei Wind und Wetter festgehalten wurden. Dem permanenten Gedächtnis dieser schrecklichen Kriegsumstände dient zurecht ein weiteres Mahnmal an der Kreuzung der Feldwege Zum Kolk und In de Meer. An die Zeit des Zweiten Weltkrieges erinnern ebenfalls unübersehbar die imposanten Reste einer Eisenbahnbrücke über den Rhein nördlich von Büderich. Sie wurde in den frühen 1870iger Jahren erbaut und am 10. März 1945 von deutschen Truppen auf ihrem Rückzug gesprengt. Auf linksrheinischem Gebiet blieben aber die aus Ziegelsteinen gemauerten Bögen der sehr langen Vorlandbrücke und ein breiter Trennpfeiler erhalten. Vorhanden, aber nicht zugänglich, da es sich im Privatbesitz befindet, ist auch noch das so genannte Fort 1, das zum Zwecke der Brückenverteidigung direkt neben den Gleisen unmittelbar am Deich angelegt wurde. Dieser Deich nördlich von Büderich bietet nicht nur einen schönen Ausblick auf die monumentale Brückenruine, sondern auch auf die herrliche Rheinlandschaft, auf Wesel und die 2009 vollendete Niederrheinbrücke.


Diese 2 Bilder zeigen die Vorlandbrücke in Büderich. Weitere alte Eisenbahnquerungen über den Rhein befinden sich übrigens in Griethausen
bei Kleve und im Duisburger Ortsteil Baerl, wobei letztere vollständig erhalten ist und immer noch genutzt bzw. befahren wird.

 

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